[http://www.lmsoft.com/] Die Berliner Zeitung und der Nahost-Krieg Die Spaßgesellschaft und der Terrorismus Vier Wochen Krieg zwischen Israel und der libanesischen Hisbollah haben dem Nahostkonflikt ein neues Kapitel hinzugefügt. Bei uns wurde er begleitet vom Kampf der Gesinnungen. Die Kämpfe sind weit weg und doch verspürt man, dass sie beständig näher rücken. Dementsprechend fielen die Reaktionen in den öffentlichen Medien aus und auch in der Privatunterhaltung blieben Auseinandersetzungen nicht weg. Erschreckend scheint mir eine allgemeine Unwissenheit. Diese führt zu Unbekümmertheit und macht anfällig gegenüber Plattheiten und Klischees. Es ist ein Versuch wert, aus dem Wust der Argumente ein Fazit -einen roten Faden- zu ziehen. Wer mich kennt, weiß dass ich kein Politiker bin, also auch nicht über Sonderinformationen verfüge. Meine Ansichten beruhen auf das, was ich erlebt und was ich gelesen habe (in 3 Sprachen). Zur Fußball-WM wurde in Deutschland viel Flagge gezeigt. Hier ist meine Art, Flagge zu zeigen. Zur Erinnerung: dicht aufeinander folgend töteten und entführten Hamas und Hisbollah jeweils mehrere Soldaten auf israelischem Territorium. Grenzscharmützel gingen über in massiven Raketenbeschuss auf Israel. Alles, was davor geschah, liegt für den Leser im Dunkeln. Die BZ, beklagt ein Leser aus Hamburg, reagiert immer erst auf Antworten Israels, nie auf Angriffe gegen Israel. Am 29.06.06, also kurz nach dem Israel wieder einmal seine Truppen in Bewegung setzte, leitet die BZ eine Serie von Leitartikeln gegen dieses Land ein, die eine neue Qualität aufweisen- insbesondre aus der Feder von Martina Döhring: "Kampfflugzeuge schmettern über Gaza, um Schrecken zu verbreiten. Bomben werden abgeworfen, die Armee rückt vor." Warum? "Wegen eines ehernen Grundsatzes im Lande, der lautet, kein israelischer Bürger wird dem Feind überlassen. Die Armee will jedes Anzeichen von Verwundbarkeit widerlegen. Guerillaaktionen kratzen an ihrem Image, ihre abschreckende Wirkung steht auf dem Spiel." Blasen wir also zum Sturm! Es geht um Ehre und Image. "Bevor noch jemand die jähe Wendung der Hamas und deren indirekte Akzeptanz Israel ausgiebig werten oder würdigen konnte, gab die Regierung Olmerts den Angriffsbefehl." Wer aber soll denn nach Oslo und Camp David die jähe Wendung der Hamas hin zu einer "indirekten Akzeptanz Israels" noch ernst nehmen? Die Uhr der Geschichte geht doch nicht rückwärts. Auch die EU ächtet die Hamas nach ihrem Wahlsieg. Indessen verkündet ein Sprecher der Hamas über Al Jazzera: man werde den entführten Teenager vor laufender Kamera abschlachten, wenn Israel seine Militäroperation nicht stoppe. "Israel muss schon lange keine Fragen mehr beantworten oder auf Kritik reagieren. Es schickt Soldaten, wo andere Länder Diplomaten entsenden um ihre Bürger zu befreien." Die Geißelnahme hat die Operation "Sommerregen" nur ausgelöst. Die Ursachen liegen im Terrorismus, und zwar dem palästinensischen, einer der ältesten dieser Welt, den sie bis heute nicht abgelegt haben. Terrorismus sei aber nur ein Vorwand Israels. Die Frage nach dem Sinn der Operation führt die Verfasserin in die Ohnmachtstellung: " weil man ja ohnehin gegen Radikale nichts ausrichten könne." Die Frage nach den Ursachen führen in die absurden Klischees, die man von den extremen Randzonen links und rechts des politischen Spektrums wahrnimmt. Sie laufen am Ende doch nur darauf hinaus, dass es ein imperialistisch- zionistischer Komplott sei, um den Palästinensern das Recht auf einen eigenen souveränen Staat zu verweigern. In einem folgenden Leitartikel wird erklärt, warum die Hisbollah Israel angreift: "Sie kämpfen um die Rückgabe der Sheba-Farmen, um die Freilassung von Libanesen und Palästinenser aus israelischer Haft. Ihre Aktion wird als eine Geste der Solidarität gegenüber der Hamas gewertet; Israel wartete nur auf die Gelegenheit anzugreifen." Die Sheba-Farmen gehören zu Syrien, aber das erfährt der Leser nicht. Mit der Kriegseskalation eskalieren auch die Worte. So im Leitartikel, aus gleicher Feder vom 27.07.06 unter der Schlagzeile "Wozu sind Kriege da?" Dort heißt es: " Israel hat freie Hand, den Libanon zu zerbomben. Der Gazastreifen wird demoliert. Die Armee schießt den Weg frei für eine Nato-Truppe. Der Feind wird vernichtend geschlagen sein. Israel wird dominierende Macht in der Region. Die Palästinenser fügen sich in das, was nach dem Bombardement übrig bleibt. Mit dem aufmüpfigen Iran und dem verschreckten Syrien wird man umstandslos fertig. Die USA werden einen neuen Nahen Osten bekommen. Israel führt den Krieg der USA. Es soll Entwicklungen stoppen, die die USA durch den Irak-Krieg auslösten. Inzwischen sind zwei arabische Demokratien untergegangen: Der Libanon wurde 50 Jahre zurückgebombt. Die demokratischen Kräfte sind auf lange Zeit paralysiert und die einstigen Bürgerkriegsparteien werden den Kampf um die Macht neu beginnen. Auch im Gazastreifen wird es so schnell weder Wahlen noch eine regierungsfähige Kraft geben. Die Potentaten von Ägypten bis Saudi- Arabien haben ihre Nützlichkeit unter Beweis gestellt." Israel kämpft also für fremde Mächte. Die Hisbollah wird nicht als Terror- sondern Guerillaorganisation bezeichnet. Ihre Hintermächte sind vermeintlich Syrien und Iran. Überhaupt, Israel ist Schuld an deren Existenz. Ein anderer Kommentator schrieb: "Die Hisbollah, kann militärisch nicht besiegt werden, weil sie eine soziale Organisation ist, die im Volk verwurzelt ist." Der Leser erfährt noch, dass Schiiten, Sunniten und maronitische Christen seit Jahrzehnten miteinander in Frieden und Eintracht leben. Es gab da noch einen Bürgerkrieg (1975-1990) aber davon blieb die Gegend weitgehend verschont. "Nun lassen die Kämpfe der Israelis die Libanesen zusammenrücken, die Kritik an Hisbollah ist in diesen Tagen kaum noch zu hören. Die Tatsache, dass die schiitischen Flüchtlinge überall mit offenen Armen empfangen werden, zeigt, wie intakt die libanesische Gesellschaft ist." Das Abstreifen der lästigen Hemmschwellen Heute, mit einem gewissen Abstand, komme ich zu folgender Einschätzung: Zunächsteinmal fällt die Oberflächlichkeit ins Auge, mit der Berichte und die kühnsten Wertungen gegeben werden, ohne Belege. Wie heutzutage, zwischen Quiz- und Spaß, Nachrichten verbreitet werden, hat schon Klaus Böllinger, Regierungssprecher der SPD, vor einigen Jahren bemängelt. Unsere schnelllebige Zeit erlaubt keine aufwändigen Recherchen. Wozu auch? Wer vermag noch den Wust der Meldungen und Kommentare auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überblicken? Irgendwo und irgendwann ist alles mal erwähnt worden und trotzdem ist der Leser bzw. Hörer getäuscht und verwirrt. Das Publikum ist vergesslich. Die Vermarktung verlangt Spannung. "Hund beißt Kind" bringt‚s nicht. "Kind beißt Hund" - eine Sensation! Die BZ jedenfalls, ist den Ansprüchen nach Seriosität, Komplexität und Ausgewogenheit in diesem Krieg in keiner Weise gerecht geworden, bestenfalls der Sensation. Nehmen wir als Beispiel Gaza. Die Operation als Rache der Militärs darzustellen, um sein Image aufzupolieren, erweckt den Eindruck, als könne Israels Armee nach Belieben schalten und walten, ganz wie in einem Obristenstaat. Aus dem Armeekodex zu zitieren, um diesen zu verunglimpfen ist schäbig. Von Hamas und Hisbollah weiß man, dass sie die eigenen Zivilisten als Schutzschild benutzen, aber das sind halt "Guerillaaktionen". Ohne die gesellschaftlichen Prozesse, die gerade in Bezug auf die Räumung des Gazastreifens, in Israel stattgefunden haben, mindesten anzudeuten, bleibt das Ganze unseriös. Ebenso fehlt der Bezug zu den bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen unter den Palästinensern, seit dem die Hamas dort ans Ruder gekommen ist, wie auch der Ursachen für deren Wahlsieg. Man kann auch das Israel anlasten. Es wird dann a priori postuliert, dass Israel die alleinige Schuld an deren Radikalisierung trägt. Was die libanesischen Gotteskrieger von Israel wollen, wird mit Scheinheiligkeiten begründet, obwohl doch deren Führer und Geldgeber Nasralla, Achmed Dineschad, Assad Junior u.a. eigentlich eine deutliche Sprache sprechen. Inzwischen bildet die Hisbollah in Libanon einen Staat im Staate. Welche Legimitation haben sie wirklich, dass sie im Namen des Libanon, Israel den Krieg erklären? Aus dem Kontext der BZ geht hervor, dass die libanesische Gesellschaft eng zusammensteht. Rechnet man damit, dass die Leser den 15-jährigen Bürgerkrieg schon vergessen haben? Libanons Präsident fordert die Welt auf zu helfen, die Hisbollah loszuwerden. Drusenführer Djumblad vergleicht Hisbollahführer Nasralla gar mit Hitler, der auch immer im Namen des Volkes sprach und am Ende einen Trümmerhaufen hinterließ. Aber das findet keinen Platz in den Leitkommentaren der BZ. Nicht an einer Stelle wird ein klares Wort der Verurteilung des Terrors formuliert. Die Unbekümmertheit mancher Medienmacher feiert neue Triumphe. Angesichts der Brisanz, die das Thema Terrorismus auch für Europa gewinnt, werde ich darauf noch gesondert eingehen. Darf man Israel kritisieren oder ist das Antisemitismus? Mit dieser Frage wechseln wir von der Politik in den Bereich der Ideologie. Warum? Natürlich darf man. Ich selbst habe das getan und nicht zu knapp. An sich eine harmlose Frage, doch all zu schnell heißt es: "Man wird doch Israel mal kritisieren dürfen", und das ausgerechnet aus dem Munde derer, die jedes Maß der Sachlichkeit verlieren und für alles, aber auch alles den jüdischen Staat verantwortlich machen. Dabei spielt es gar keine Rolle mehr, ob Israel präventiv handelt oder sich wehrt. Es bleibt immer der Prellbock. Das kennen die Juden schon. Bald wird die harmlose Frage zu der Behauptung: "Israels Politik fördert den Antisemitismus." Auch das ist nicht neu. Die Opfer sind an allem schuld einschließlich an ihrer Verhämung, Verfolgung, Vernichtung. Keine Panik, soweit ist es nicht, aber man wird doch wohl an Entwicklungen aus der Vergangenheit erinnern dürfen. Das, was die BZ sich in den 4 Wochen des Krieges geleistet hat, erinnert sehr an den Sprachgebrauch der DDR, auch wenn ein paar Vokabeln anders lauten. Ich weiß, wovon ich rede. Auch damals gab es keine Chance für eine annähernd seriöse und faire Berichterstattung über Israel. Währen heute Parlament und Regierung redlich bemüht sind, im israelisch - arabischen Konflikt zu vermitteln und historisch gebotene Sensibilität aufbringen, lassen ein paar Journalisten, Politologen, Literaten in ihrer intellektuellen Selbstverständlichkeit öffentlich die Hemmschwellen fallen und geben sich gegenseitig die moralisch- ideologische Schützenhilfe. Alfred Grosser, ein deutsch- französischer Politologe aus jüdischem Haus, antwortet auf die Frage, ob Deutschland seine besonderen Beziehungen zu Israel mit der Geschichte begründen darf (BZ v. 15.08.06), wie folgt: " Ich habe Sonderbeziehungen zu meinen Söhnen. Und wenn die etwas Dummes anstellen, dann sage ich ihnen das, ich kritisiere sie." Nun kann der Franzose aus Frankfurt am Main auch den Pariser Eifelturm mit einem Hühnerei vergleichen, sofern er Vergleichbares findet, z.B. die Lebensbedrohung, wenn sie denn auch für seine Söhne bestünde. Das aber lässt Grosser nicht gelten. Statt dessen sagt er: "Opfer gewesen zu sein, hat noch niemanden daran gehindert, Henker zu werden". Er räumt ein, dass es natürlich einen latenten Antisemitismus gibt, aber der wird reduziert auf extrem Rechte und extrem Linke und Schuld an ihm sei Israel. "Es ist Israel, das seine Sprache und Haltung verändern muss. Es muss der anderen Seite nur sagen: wir schlagen euch Zusammenarbeit vor, wir behandeln euch als ebenbürtig und gleichwertig. Lasst uns gemeinsam brüderlich nach Lösungen suchen. Genauso hat man nach dem 2. Weltkrieg mit den Deutschen angefangen." Ziemlich einfach. Vielleicht sollte er sich darüber einmal mit Nobelpreisträger Shimon Peres, mit Ehud Barak, Schlomo Ben-Ami, Jossi Beilin (ehemals Premierminister bzw. Außenminister bzw. Sonderbeauftragter) unterhalten oder mit dem deutschen Außenminister Steinmeier, der das gerade in Damaskus versucht hat. Wer zählt die vielen Namen von Politikern und Konferenzen, die Verständigung mit den Palästinensern zum Gegenstand von Verhandlungen hatten? Mit den Deutschen konnten auch erst Ebenbürtigkeit und Zusammenarbeit begonnen werden, nach dem die Nazi-Elite von einem internationalen Gericht verurteilt, durch die Siegermächte liquidiert und die Strukturen des Regimes verboten wurden. Ein anderer Weg wäre damals undenkbar gewesen. Wieso soll das mit dem Terror von heute anders sein? Aufschlussreich in diesem Zusammenhang ist, wie der palästinensische Minister Nabil Amer dieses Thema beurteilt (entnommen aus dem Buch "Bumerang" von R. Drucker und A. Schellach). In einem offenem Brief an Yassir Arafat formulierte der Minister 2002 die "Sünden der Führung", die das palästinensische Volk immer weiter ins Unglück getrieben haben: "Sind wir nicht in Freudentänzen ausgebrochen, auf den Straßen und Plätzen, um die gescheiterten Camp-David-Verhandlungen zu feiern? Haben wir nicht die Portraits von Präsident Clinton öffentlich verbrannt, der die Kompromisse zur Gründung des palästinensischen Staates vorangetrieben hat? Wir sind nicht fair, wenn wir nach den blutigen Auseinandersetzungen (gemeint ist die 2. Intifada), die dem Scheitern der Verhandlungen gefolgt sind, heute das verlangen, was wir damals abgelehnt haben. Stets haben Versuche, solche Verweigerungen im Nachhinein zu korrigieren, viel Aufwand gekostet und nichts gebracht, weil sich die Welt inzwischen weiterbewegt hat." Nabil Amer schlussfolgert: "In der Führung des historischen Prozess des Ringens um unseren eigenen Staat hat die Führung versagt." Seine öffentlichen Äußerungen bezahlte der Minister mit dem Leben. Bedauerlich finde ich, dass sich Herr Grosser genau von jener Reporterin interview´ en lässt, die besagte Leitartikel verfasst hat. Zufall oder Missbrauch? Vom Literaten Martin Walser stammt der Satz, dass Israel ständig eine Keule schwingt, sobald seine Politik kritisiert wird. Er selbst schwingt die Keule gegen den Literaturkritiker Reich- Ranitzki in Prosa. Etwaige Ähnlichkeiten zwischen seiner jüdischen Romanfigur und seinem Kontrahenten sind rein zufällig. Mir scheint, dass sich die staatliche Sensibilität zu Israel die Bundesrepublik Deutschland selbst auferlegt. Fragt sich nur was schlimmer ist für Juden und für Deutsche, die Sensibilität oder das Abstreifen der Hemmungen? Um es offen zu sagen. Deutsche sollten so über den Judenstaat nicht schreiben. Es vergiftet die Atmosphäre im Lande, dient den ewig Gestrigen und bedient zudem offenen Antisemitismus (jedenfalls mehr als Israels Politik). Schon vernimmt man die Depressionen des Zentralrats der Juden, der über eine Flut von üblen antisemitischen Zuschriften berichtet. Darüber müssten sich die Medien mal nen´ Kopf machen. Die Berliner Zeitung ist kein Provinzblatt. Als auflagenstärkste Zeitung in der Hauptstadt trägt sie eine gewisse Verantwortung. Das Gefährlichste an der Berichtserstattung aller Medien, was während des Libanonkrieges wieder einmal besonders deutlich zutage trat, scheint mir die mehr oder weniger naive Sorglosigkeit zu sein, zu allem, was den Terrorismus angeht. Da es allmählich auch in Deutschland "heiß" wird, möchte ich im folgendem näher darauf eingehen.
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